Mögen Sie Bahnfahren?

„Mögen Sie Bahnfahren?“, hieß es im Bewerbungsgespräch im September. „Ja“, sagte ich, noch ohne genau zu wissen, was da auf mich zukommen würde. Rund zwei Monate später durfte ich nun die erste Dienstreise zu einem Digital-Kompass Standort antreten. In den nächsten drei Jahren werden 75 solcher Anlaufstellen eingerichtet, bei denen sich Internetlots*innen und ältere Menschen zu Fragen rund um das Internet und digitale Dienste beraten lassen können. Eine meiner Aufgaben im Team Digital-Kompass ist es, 25 dieser Standorte zu besuchen und sie mit Weiterbildung, Technik und persönlicher Beratung zu unterstützen. Das heißt unter anderem: viele Engagierte kennenlernen, ländliche Räume entdecken und eben auch viel Zeit in Zügen zu verbringen.

 

Auf nach Bleicherode

Die erste Fahrt führte mich am 30. November nach Bleicherode in Thüringen, wo ein Kennenlerntag „Neue Medien für Senioren“ stattfinden würde. Frühmorgens ging es um 5.15 Uhr im Bus nach Berlin-Südkreuz und von dort im ICE nach Halle. Fun fact: Erst im Zug fiel mir auf, dass ich um meinen gelben Schal herum noch eine grüne Strumpfhose gewickelt hatte und ich damit ein reichlich seltsames Bild abgegeben haben muss. Aber noch war ich in Berlin und hier fällt so etwas nicht weiter auf.

 

Halt in Halle

In Halle kündigte es sich bereits an, dass es für mich nun tief in den ländlichen Raum gehen würde: Bei frostigen Temperaturen und ohne WLAN musste ich auf einem Zusatzbahngleis (13 A) ohne Überdachung rund eine Stunde auf den Regionalzug nach Bleicherode-Ost warten. Dafür wurde ich allerdings mit einem fantastischen Sonnenaufgang über den Bahngleisen belohnt.

Abgehängt?

Weitere eineinhalb Stunden später kam ich am Bahnhof Bleicherode-Ost an. Wie der Name schon vermuten lässt, war der Ortskern von Bleicherode damit noch immer nicht erreicht. Zu Fuß wären es noch weitere 50 Minuten bis zum Zentrum gewesen, doch René Fiedler, mein Ansprechpartner vom Digital-Kompass Standort Bleicherode, holte mich mit dem Auto vom Bahnhof ab und fuhr mit mir zum Veranstaltungsort, dem ehemaligen Handelshaus „Reinhold’s“.

Während der Fahrt erzählte René Fiedler über die Gegend: Über das einstige Kalibergwerk, dessen Abraumhalde vom Bahnhof aus gut sichtbar ist, und über den Wegfall vieler Arbeitsplätze als das Bergwerk geschlossen wurde. Auch über das Gefühl des Abgehängtseins, das in Bleicherode schnell auch Gäste beschleichen kann, denn der Bahnhof Bleicherode-Ost ist kaum mit Bussen an den Ortskern angebunden und während wir durch hübsche Altstadtgassen fuhren, passierten wir viele leerstehende Geschäfte. René Fiedler lässt sich dadurch jedoch nicht entmutigen. Immerhin könne das Internet Senior*innen virtuell zu anderen Orten bringen. Außerdem will er erreichen, dass die Supermärkte vor Ort für mobil eingeschränkte Menschen Online-Shopping anbieten.

 

Engagiert in Bleicherode

Pünktlich um 10 Uhr waren die ersten rund 50 Gäste und Vertreterinnen des Seniorenbeirats da und sie alle waren voll des Lobes für René Fiedler und seinen Mitstreiter Kalle, für ihr Engagement und ihre Hilfe bei Fragen zu Computern und Internet. Viele Seniorinnen hatten ihre Smartphones und Tablets gleich mitgebracht. Bevor sie ihre Fragen loswerden konnten, gab es zum Einstieg das rührende Filmprojekt „Unsere Stadt Bleicherode“ über drei Enkel, die den Heimatort ihres Großvaters besuchen, zu sehen. Der Rückblick auf die eigene Stadtgeschichte und das gemeinsame Frühstück boten einen guten Rahmen für die vielen Fragen rund um Technik und Social Media:

  • Kann ich gelöschte Fotos auf dem Smartphone wiederherstellen?
  • Wie ändere ich eingespeicherte Telefonnummern?
  • Wie verschwinden die Zahlen (Benachrichtigungen) bei den Apps?
  • Was heißen die Häkchen bei WhatsApp?
  • Wie versende ich eine E-Mail mit dem Handy?

 

Voneinander lernen

Rede und Antwort standen außer René Fiedler und seinen Helfer*innen auch Schüler*innen aus Bleicherode, das Team von „Aktiv mit Medien“, ein Projekt des Landesfilmdienst Thüringen, das Medienmentor*innen für Senior*innen ausbildet, und Guido Steinke und ich als Vertreter*innen des Digital-Kompass. Auch wir konnten nicht jede Frage beantworten oder die unterschiedlichen Smartphones sofort bedienen und mussten uns gegenseitig zu Rat rufen. Aber genau das war die Idee der Veranstaltung: sich fragen wagen und einander helfen.

Die schönsten Botschaften des Tages

„Der Computer selbst ist doof. Er macht alles nur, weil Sie es können!“, „Fragen Sie! Helfen Sie sich gegenseitig!“, „Haben Sie keine Angst vor den Geräten. Trauen Sie sich!“, „Inge, du musst das selbst ausprobieren, nur so lernst du das!“, „Wenn Sie ein Ehepaar sind: Kaufen Sie sich zwei Smartphones, dann können Sie am Frühstückstisch gemeinsam damit üben.“, „Am 12.12. das Handy gekauft, am 24.12. per Skype mit der Tochter im Schwarzwald Heiligabend gefeiert.“, „Lernen macht Spaß. Auch im Alter!“

 

Lebenslang lernen und lehren

Lernen und Lehren durchzieht René Fiedlers gesamtes Leben. Seine Frau Kirsten und er haben sich während des Lehramtstudiums kennengelernt. Während René Fiedler sich nach der Wende mit einem Nachhilfeinstitut selbstständig gemacht hat, lehrt seine Frau Kirsten weiterin an einer staatlichen Schule. Gemeinsam sammeln sie seit dem Studium alles rund um die Bleicheröder Schulgeschichte: Holzbänke, Tafeln, Schulbücher, Schreibhefte, Landkarten, Globen und ein Skelett. Ein ganzes Museum haben sie in den letzten 30 Jahren zusammengesammelt und haben zu allen Ausstellungsstücken eine eigene Geschichte zu erzählen. Nach einem Rundgang durch das Privatmuseum erläuterte mir René Fiedler auf der Rückfahrt noch die Heimatsage vom Schneckenhengst, der es zum Wahrzeichen der Stadt geschafft hat. Dann ging es für mich zurück nach Berlin.

Bis zum nächsten Besuch in Bleicherode!

Mögen Sie Bahnfahren? Ja! Los geht’s mit einer Fahrt nach Bleicherode
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