Stickerei: Grüne Soße und 7 Kräuter

An Ostern überkommt mich jedes Jahr eine schmerzliche Sehnsucht nach Hessen, genauer gesagt nach Frankfurt, genauer gesagt nach Frankfurter Grüne Soße. Dann nehme ich mir alljährlich vor, das Grüne-Soße-Festival und das Grüne-Soße-Denkmal zu besuchen und vor allem selbst das köstliche Sößchen zu Ostereiern und Kartoffeln zuzubereiten.

 

Nur diese sieben dürfen es sein!

Nötig dafür sind sieben Kräuter. Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch. Und zwar nur diese! Das sagt sogar die Europäische Kommission:

„Eine Grie Soß (geschützte geographische Angabe) sollte die sieben Kräuter Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch enthalten – und zwar in Form von frischen Blättern, Blattstielen und Triebspitzen. Diese pflanzlichen Zutaten müssen in Frankfurt am Main oder nahe der Stadtgrenze angebaut werden. Weiterhin ist geregelt, welchen Gewichtsanteil die einzelnen Kräuter haben dürfen. Keine Kräuterart darf mit mehr als 30 Prozent vertreten sein.“

 

Auf der Suche nach den sieben heiligen Kräutern

Es sollte doch kein Zauberwerk sein, ein paar Kräuter zu besorgen, sollte man meinen. Ist es aber doch! In meinen ersten Wohnorten in Bad Hersfeld, Frankfurt und Mainz sind sie zumindest in der Tiefkühlvariante gut erhältlich – in Frankfurt selbst natürlich sogar frisch geerntet in jedem Supermarkt, auf jedem Markt, wahrscheinlich sogar in jedem Wasserhäuschen (für Berliner:innen: die hessische Urform vom Späti), und das zu fast jeder Jahreszeit. In Berlin muss ich mich allerdings in jedem Frühjahr aufs Neue auf die Suche nach den sieben heiligen Kräutern machen.

Anderen ausgewanderten Hessinnen und Hessen geht’s ähnlich, es wurden schon mehrfach Artikel in Gourmetmagazinen und Kochblogs über die Sehnsucht nach dem grünen Glück geschrieben. Ich erinnere mich sogar daran, vor einigen Jahren auf einen Beitrag der Landesvertretung Hessen zum Thema gestoßen zu sein, allerdings habe ich ihn nicht mehr gefunden. Vielleicht wars auch nur reines Wunschdenken, dass dort nicht nur zum Mittagstisch im Bistro Mainhattan Kartoffeln mit Grüner Soße, Ei und Salat serviert werden, sondern auch Lobbyarbeit für mehr Grüne Soße in Berlin betrieben wird. Konkrete Tipps, wo man in der Hauptstadt an die Kräuter kommen kann, gibt es auf der Website hessen-in-berlin.de. Ich habe sie fast alle ausprobiert, mit mehr oder weniger großem Erfolg.

 

Grüne Soße in Berlin – Selbstversuche

Als ich vor mehreren Jahren noch um die Ecke vom Markt am Maybachufer wohnte, bin ich dort nie fündig geworden, immer hat ein Kraut gefehlt, meistens die, die die Grüne-Soße-Kräuter von anderen Kräutermischungen unterscheiden: Sauerampfer, Borretsch, Kerbel. Sollte sich das dank neuer Anbieter geändert haben: Tolle Sache! Dann komme ich bald wieder regelmäßig vorbei!

Besser hat es in den Lebensmittelabteilungen von Karstadt am Hermannplatz und vom KadeWe geklappt: Hier stieß ich auf meinen Streifzügen ab und an, bei weitem aber nicht immer, im hintersten Kühlregal auf die in Hessen wohlbekannten Tiefkühlpäckchen „7 Kräutermischung für Frankfurter Grüne Soße“. Meistens kaufte ich dann alle, in der Regel waren eh nicht mehr als fünf oder sechs vorhanden, um sie in der eigenen Tiefkühltruhe zu lagern. Einen einmaligen, völlig unerwarteten Zufallstreffer hatte ich bei irgendeinem Supermarkt in Neukölln, dort wurden die Kräuter aber schnell wieder aus dem Sortiment genommen.

Der Winterfeldtmarkt war eine Zeit lang ein recht guter Kompromiss für mich. Zu den Zeiten, als ich bei der in der Nähe gelegenen Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen gearbeitet habe, war ein Bummel in der Mittagspause über den hübschen Markt eine gute Gelegenheit, um an die frische Luft und die Kräuter zu kommen. Allerdings waren sie auch dort nicht immer erhältlich und manchmal wurde Kerbel oder Pimpinelle gegen Zitronenmelisse oder noch weitaus schlimmer gegen Dill ausgetauscht. Was ein Frevel! Insbesondere Dill hat in Frankfurter Grüne Soße absolut nichts, aber auch gar nichts zu suchen – und das sage, ja, das sage auch ich mit größter Vehemenz, obwohl ich die Ikea-Dillchips fast ebenso sehnsüchtig vermisse wie Grüne Soße in Berlin.

 

Keine Alternative: Sechs-Kräuter-Mischung und Eigenanbau

Die Sechs- oder Achtkräutermischungen aus dem Supermarktstandardsortiment sind übrigens keine Alternative. Sieben müssen es sein. Und zwar genau die oben genannten sieben! Und wenn schon ein Kräutlein ausgetauscht werden muss: Auf keinen Fall darf der Sauerampfer fehlen und auf keinen Fall darf Dill hinein – man kann das gar nicht oft genug sagen. Einige Lebensmittelhändler bieten in ihren Online-Shops die einzig wahre Tiefkühlsiebenkräutermischung an. Aber bisher wurde ich jedes Mal nach Eingabe meiner Postleitzahl herb enttäuscht: „Dieser Artikel ist in Ihrer Region nicht verfügbar.“

Natürlich startete ich bereits mehrere Versuche, die sieben Kräuter des Glücks selbst anzubauen. Doch nie habe ich es geschafft, dass alle Kräuter gleichzeitig erntereif waren. Auf dem Südseite-Balkon ist es außerdem insbesondere für den zarten Kerbel selbst jetzt im April viel zu sonnig und zu heiß, auf meinem gepachteten Ackerstück geht es mit der Petersilie seit zwei Jahren nicht richtig voran und im Nachbarschaftsgarten sahen Borretsch und Pimpinelle zwar hübsch aus, wurden aber nie geerntet und daher aus den Gemeinschaftshochbeeten verbannt.

 

Besserung in Sicht!

Heute nun erschien aber ein silbrig-grüner Streifen am Horizont: Eine hessische Gärtnerei hat einen Online-Shop für Grüne Soße eingerichtet. Nach Ostern kann man wieder bestellen – und oh ja, das werde ich tun, meine Schürze mit Grüne-Soße-Stickerei umbinden und dann Kräuter hacken und einfrieren, was das Zeug hält!

Auf der Suche nach dem grünen Glück: Frankfurter Grüne Soße in Berlin
Markiert in:     

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.