Jonas und David sind richtig gute Freunde. Kennengelernt haben sich der Informatikstudent David und der angehende Bauingenieur Jonas vor rund zwei Jahren über ihr Ehrenamt beim Jugendmigrationsdienst „Café VIA“  in Wedding.
Beim Rosenkohlquiche haben sie mir erzählt, was ihr Engagement und ihre Freundschaft  ausmacht und wie das Ehrenamt sogar ihren Berufsweg beeinflusst.

 

David, Jonas, was macht ihr hier eigentlich im Café VIA?

Jonas: Hausaufgabenhilfe. Ich komme seit zwei Jahren einmal die Woche hier ins Café VIA und gebe Hausaufgabenhilfe. Zu Beginn dachte ich, es geht vor allem um Mathe, aber dann hat sich recht schnell herausgestellt, dass man immer das macht, was gerade gebraucht wird. Was genau, das hängt von den Jugendlichen ab, die gerade bei uns sind und wer gerade welche Hilfe braucht. Alles, was wir anbieten können, machen wir.

David: Ich habe 2015 hier angefangen, um Hausaufgabenhilfe in Mathe und Physik zu geben. Zumindest war das der Plan. Gleich in der ersten Woche hat sich das aber ausgeweitet: Damals kamen sehr viele Geflüchtete ins Café VIA, die vor allem Deutsch lernen wollten. Deshalb habe ich ab da an auch viel Deutsch unterrichtet, obwohl das eigentlich gar nicht mein Metier ist.

Jonas: Deutsch-Nachhilfe finde ich immer am schwierigsten…

David: Geht mir genauso! Weil es so viele Regeln und Ausnahmen gibt, an die man sich als Muttersprachler, der sich damit nicht täglich beschäftigt, nicht immer sofort erinnern kann. Jedenfalls habe ich nach und nach die Jugendlichen auch bei Terminen bei der Ausländerbehörde begleitet oder habe mit ihnen vor dem Lageso gewartet, um zum Beispiel Probleme mit der Miete zu besprechen.

Ihr unterstützt Jugendliche bei so wichtigen Bereichen wie Bildung und Absprachen mit Ämtern. Das ist für die Jugendlichen und euch bestimmt nicht immer einfach. Unternehmt ihr auch etwas, das euch gemeinsam Spaß macht?

Jonas: Das Café VIA bietet regelmäßig verschiedene Unternehmungen und Ausflüge für die Jugendlichen an und da werden wir auch ab und zu gefragt, ob wir Lust haben mitzukommen. Vor Weihnachten waren wir zum Beispiel in Hamburg. Da ich aus Hamburg komme, wurde ich dann auch gefragt, ob ich Lust hätte, mir ein Programm zu überlegen. Das habe ich dann natürlich auch gerne gemacht und schließlich waren wir dann einen Tag dort: Hafen, Elbphilharmonie, Reeperbahn, Jungfernstieg und nachmittags sind die Jugendlichen dann noch einmal alleine losgezogen.

David: Ich habe die Jugendlichen zweimal an die Kletterwand gezwungen. Nach anfänglicher Angst hatten sie glaube ich viel Spaß und auch mir hat es Freude bereitet, mein Hobby zu teilen. Dann, im letzten Sommer, hat unser Team, also die Jugendlichen, die Freiwilligen und die Angestellten alle zusammen, gemeinsam in der Hood meiner Kindheit, am Müggelsee, einen Kanuausflug gemacht. Da, wo Jonas seine Brille im Fluss verloren hat.

Jonas (lacht): Ja, ja, ich erinnere mich. War trotzdem schön…

Was hat euch dazu gebracht, euch beim Café VIA zu engagieren?

Jonas:

Vor ein paar Jahren habe ich privat Mathe-Nachhilfe gegen Bezahlung gegeben. Ich hatte in der Zeit immer das Gefühl, dass die Eltern des Schülers das zeitlich und inhaltlich auch gut hätten selber machen können. Als der Schüler mit der Schule fertig war, wollte ich gerne weiter Nachhilfe geben und wollte es dann für Kinder machen, bei denen die Eltern eben nicht die Möglichkeiten dazu haben. Gerade weil ich selbst immer Nachhilfe von meinen eigenen Eltern bekommen habe. Und: Mathe braucht man immer. Ich habe früher schon mal verschiedene Organisationen angeschrieben, ob ich dort ehrenamtlich Nachhilfe geben kann. Damals hat keine reagiert. Dann haben die halt Pech gehabt, dachte ich. Später habe ich es aber dann noch einmal versucht und bin zufällig auf der Website der Caritas gelandet. Die waren dann tatsächlich die ersten, die sich zurückgemeldet haben.

David: Mit 18 habe ich mit meinem besten Freund darüber geredet, dass uns zum Sprung zum Erwachsenwerden noch etwas fehlt. Das klingt jetzt vielleicht total pathetisch: Aber wir wollten etwas für andere machen, etwas bewegen, eben die Welt verändern. Wir haben uns dann lange nicht gesehen und uns erst ein paar Monate später wiedergetroffen. Dabei kamen wir wieder auf das Thema zurück und ganz unabhängig voneinander hatten wir in der Zwischenzeit ein Ehrenamt gefunden. Er in der Krebshilfe und ich beim Jugendmigrationsdienst — und beide sind wir total glücklich diesen Schritt gegangen zu sein! Zum Café VIA bin ich durch meinen katholischen Hintergrund gekommen. Bei meiner Suche nach einem Ehrenamt ist mir als erstes die Caritas eingefallen, die mich dann hierher vermittelt hat.

Viele engagieren sich, um mit anderen Menschen zusammenzukommen. Ihr seid über euer Engagement sogar gute Freunde geworden. Wie ist das passiert?

Jonas: Das war eigentlich ganz simpel. Wir waren beide immer zur gleichen Zeit hier: freitags. Zwischendurch gibt’s hier immer auch mal Leerlauf, wenn keine Jugendlichen da sind, da kommt man dann natürlich mal ins Gespräch mit den anderen Freiwilligen.

David: Ich kann mich noch an unsere erste längere Diskussion erinnern! Da war dieses Rätselbuch, in dem das Königsberger Brückenproblem vorkam.

Jonas: Ja genau, Euler.

David: Darüber haben wir dann eine Weile gefachsimpelt.

Jonas: Wir haben im Laufe der Zeit viele gemeinsame Interessen entdeckt. Ich wollte zum Beispiel für ein Semester nach Bologna, war dann aber stattdessen in Nantes…

David: …aber ich mache jetzt das, was Jonas geplant hat: In drei Wochen studiere ich ein paar Monate in Bologna!

Jonas: Irgendwann sind wir dann nach der Nachhilfe ein Bier trinken gegangen. Das bietet sich ja Freitagabends an.

David: Ja, wir haben uns dann immer öfter privat getroffen. Klar, dabei haben wir uns erst viel übers Ehrenamt ausgetauscht, also was waren die Fragen und Probleme der Jugendlichen, aber dann haben wir mehr und mehr auch über Politik und die Welt philosophiert. Wir hatten sofort viele andere Gesprächsthemen und obwohl wir im Grunde nichts voneinander wussten, waren es trotzdem gleich immer gute Gespräche.

Jonas: Ja, mit manchen Menschen hat man ja immer nur ein, zwei Themen, aber bei unseren Gesprächen ging es von Anfang an immer weiter, es kamen nie unangenehme Pausen auf.

David: Mittlerweile unternehmen wir auch viel miteinander. Manchmal sind sogar noch andere vom Café VIA dabei. Wir waren schon zusammen in Potsdam, beim Science Slam und beim Pubquiz. Heute Abend spielen wir alle gemeinsam Minigolf.

Das klingt toll! Was bringt euch das Ehrenamt außer eurer Freundschaft noch?

Jonas: Spaß, Abwechslung vom Job, neue Erfahrungen, natürlich auch Erfolg, wenn zum Beispiel die Jugendlichen Prüfungen bestehen. Ich habe hier außerdem gemerkt, dass ich gerne Wissen vermittle und Zusammenhänge erkläre. Das würde ich in Zukunft auch gerne beruflich stärker einbringen.

David: Viel! Am Anfang war ich ziemlich schüchtern, das bin ich jetzt gar nicht mehr. Nach meiner Abschlussarbeit für Informatik werde ich ein Lehramtsstudium für Philosophie und Biologie anschließen und ich denke ein bisschen hat diese Entscheidung sicher auch mit meinem Ehrenamt zu tun. Manche aus meinem Umfeld fragen mich oft, warum ich „das alles“ hier mache. Ich wundere mich dann immer. „Das alles“? Eigentlich ist es das doch nichts im Vergleich zu dem, was man dafür zurückbekommt.

 

Vielen Dank, ihr beiden!

 

Eine Geschichte darüber, wie Ehrenamt aus Freundschaft entsteht, könnt ihr in dem Beitrag Wenn aus Freundschaft Ehrenamt entsteht: Blickwinkel e.V. nachlesen.

 

Schnappschüsse

 

Wenn durch Ehrenamt Freundschaft entsteht (Jugendmigrationsdienst „Café VIA“)
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