Mein erster Digitaler Stammtisch war ein technisches Desaster.

 

Eigentlich…

Im Allgemeinen funktioniere ich in Stresssituationen erstaunlich gut. Mein erstes Webinar, damals noch bei der bagfa, kam bei den Teilnehmenden laut Evaluationsbögen gut an und hat mir Spaß gemacht. Ich kann diverse Messenger und Social Media halbwegs geschmeidig gleichzeitig bespielen und dank einer DIY-Mutter und eines Bruders, der mich vom Kinderfahrrad an bis zum ersten PC hat immer mitschrauben und alles hat selber machen lassen, ist meine Scheu vor Technik oder vor neuen Computeranwendungen gering.

 

Mein erster Digitaler Stammtisch

Ich ließ mich daher zwar missmutig, aber einigermaßen gefasst darauf ein, dass ich meinen ersten Digitalen Stammtisch aus terminlichen Schwierigkeiten heraus plötzlich ganz alleine durchführen musste. Bei einem Digitalen Stammtisch wird ein*e Expert*in per Video zu einer Gruppe dazugeschaltet. In der Regel gibt es einen Vortrag mit Präsentation und im Anschluss eine Diskussion oder eine Fragerunde. Ein kompaktes und beim Digital-Kompass beliebtes Format. Am Tag des Ehrenamts sollte für eine Gruppe Silversurfer in Rostock als Dankeschön ein Digitaler Stammtisch zum Thema „Gesundheitstipps im Netz“ stattfinden. Na gut, dachte ich, ein paar Moderationssätze sind schnell notiert und so schwierig kann das alles nicht sein. Zwei Technikchecks mit den Silversurfern im Vorfeld hatten bis auf ein paar Kleinigkeiten reibungslos geklappt.

 

Skype streikt

Der Zeitpunkt des dritten Technikchecks mit der Expertin löste bei mir schon Unbehagen aus: Was? Erst 15 Minuten vor Beginn? Wow, die sind ja entspannt. Vorher geht es nicht? Aber da die Expertin nicht nur Expertin in der Patientenberatung ist, sondern auch gemeinsam mit ihren Kollegen häufig Stammtische dieser Art durchgeführt hatte, schob ich meine Unruhe beiseite. Und trotzdem begann das Desaster genau dann, eine Viertelstunde, bevor es los gehen sollte: Das Bildschirmteilen funktionierte auf einmal nicht mehr und noch schlimmer, es gab keine Möglichkeit, weitere Teilnehmende, also die Silversurfer, dazuzuschalten. Also klickte ich immer hektischer auf dem Bildschirm herum, rief einen Kollegen zu Hilfe, der aber (das beruhigt mein digitales Selbstvertrauen) auf dieselben Probleme stieß wie ich. Auch bei der Expertin herrschte Ratlosigkeit, denn bei ihr waren alle gewohnten Schaltflächen ebenfalls verschwunden. Nichts ging. Bei jedem Anruf oder Neustart: genau dasselbe. Nichts ging. Zwischendurch klingelten die Silversurfer, die endlich loslegen wollten, über Skype an, kamen aber nicht durch. Die Expertin und ich testeten ja auch noch. Dann ein Telefonanruf aus Rostock mit der Info: „Wir kommen nicht durch.“ „Wir haben technische Schwierigkeiten, wir melden uns in zehn Minuten!“, antwortete ich noch hoffnungsvoll und verschaffte uns Zeit für weiteres wildes Geklicke und für irritierte und suchende Gesichter auf den Bildschirmen.

 

Neuer Versuch: Adobe Connect

Aus den zehn Minuten wurden zwanzig Minuten. Kein Digitaler Stammtisch in Sicht. Dann schlappte ein anderer Kollege ins Büro, versuchte es mit dem Skypen, konnte aber ebenfalls keine Verbindung herstellen. „Wir machen das jetzt über Adobe Connect, ich schick dir den Link“. Ich war mittlerweile völlig überfordert, quasi in Schockstarre, wusste nicht mehr, was und wo ich klicken musste, dachte nur noch an dreißig enttäuschte Senior*innen, die an ihrer Weihnachtsfeier auf eine weiße Leinwand starren mussten, wartete auf eine Mail, statt im Chatfenster nachzuschauen, fand einfach diesen verflixten Link nicht. Zwischendurch bat ich, für eine kurze Zeit geistesgegenwärtig, die Expertin, selbst die Silversurfer und dann mich anzuskypen. Dann aber, da nichts passierte, wieder weiteres Klicken, vergebliche Verbindungsversuche. Plötzlich war eine Stimme zu hören, die überrascht fragte: „Wer sind Sie denn jetzt?“ Ich erklärte mich, eine Gruppe lachte. Ich war erleichtert: Immerhin, die Stimmung ist gelassen. Fragte mich aber gleichzeitig: „Wer war das denn? Waren das wirklich die Silversurfer in Rostock oder eine komplett andere Konferenz?“ Bevor wir die Frage klären konnten, war die Verbindung aber schon wieder unterbrochen. War das jetzt Skype oder Adobe Connect? Beides hakte und hing und funktionierte nicht. Mittlerweile konnte ich keine Entscheidung mehr treffen: Wem sage ich zuerst Bescheid, dass wir komplett von vorne starten müssen: der Expertin, den Silversurfern?

 

Also Notfallplan zwei

Mittlerweile sprach der Kollege, der versuchte, Adobe Connect zum Laufen zu bringen, auf mich ein, als sei ich im Schockzustand. Langsam und deutlich, mit einfachen Fragen und klaren Botschaften. Ich dachte plötzlich an die fünf W-Fragen der Notrufzentralen und Tipps aus einem Erste-Hilfe-Kurs: „Beruhigen Sie die Betroffenen. Sprechen Sie langsam und deutlich.“ Irgendwie auch übertrieben, dachte ich, schien aber doch nötig zu sein und zu wirken, denn plötzlich hielt ich den Hörer in der Hand und telefonierte. Und dann, oh Wunder: „Ach, Frau Wolf, ich kann Sie jetzt gar nicht mit den Silversurfern verbinden, die sind doch gerade in einer Skype-Konferenz, am Anfang hat es ein wenig gehakelt, aber jetzt funktioniert es. Warum sind Sie eigentlich nicht dabei?“

Hä? Das fragte ich mich auch?! Aber viel wichtiger ist: Die Rostocker Silversurfer konnten sich letztendlich doch noch mit der Expertin austauschen. Nur für mich heißt es: Nie wieder Skype!

Wie Skype mich an den Rande des Nervenzusammenbruchs brachte
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