Landgericht_Berlin,_Littenstraße,_Eingangshalle

 

Immer im Stress zwischen Job und Familie — und dennoch hat meine Nachbarin Anna ein verbindlicheres Ehrenamt übernommen als ich es mir für mich je vorstellen könnte: Sie ist Schöffin am Landgericht Berlin. Für einen Prozesstag werden die ehrenamtliche_n Richter_innen im Notfall sogar mal aus dem Urlaub eingeflogen. 2018 stehen in Berlin Schöffenwahlen für die nächste Amtsperiode (2019 bis 2023) an. Anna hat mir deshalb erzählt, welche Erfahrungen sie bisher als Schöffin gemacht hat.

 

Ganz kurz, in einem Satz: Was heißt es, Schöffin zu sein?

Für mich heißt das: Ich bin Laienrichterin und darf ganz viele spannende Dinge erleben.

 

Und jetzt noch einmal genauer: Wie läuft so eine Gerichtsverhandlung ab? Was ist deine Rolle als Schöffin?

Bei jedem meiner Prozesse sind zwei Richter_innen und zwei Schöff_innen dabei. Die Richter_innen erklären uns Schöff_innen im Hinterzimmer kurz vor Beginn der Verhandlung zunächst, um was es im Prozess geht. Erst dann gehen wir in den Gerichtssaal. Dort wird die Anklage verlesen und dann beginnen die Befragungen der Zeugen. Wir als Schöff_innen kennen die Akten nicht und lassen alles, was passiert und gesagt wird, auf uns einwirken. Wir dürfen auch selbst Fragen stellen. Nach den Schlussplädoyers der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung der Angeklagten ziehen sich haupt- und ehrenamtliche Richter_innen zurück. Die Hauptamtlichen erläutern, was das Geschehene rechtlich bedeutet und welche Folgen es zum Beispiel für das Strafmaß hat. Gemeinsam bilden wir uns dann ein Urteil über den Fall. Ich habe zum Glück die Erfahrung gemacht, dass die Richter_innen uns Schöff_innen ernst nehmen und unsere Meinung wertschätzen. Die einen mehr, die anderen weniger.

 

Warum hast du dich entschieden, ehrenamtliche Richterin zu werden?

Da kommen ganz verschiedene Aspekte zusammen. Ich wollte nach dem Abitur Politikwissenschaften studieren. Während der Schulzeit hatte ich aber auch daran gedacht, Jura als Studienfach zu wählen. Den Beruf der Richterin fand ich immer toll! Aber das allein und meine Vorliebe für Krimis haben nicht gereicht. Ich habe mich für Politikwissenschaften entschieden und arbeite auch sehr gerne im Politikbetrieb. Meine Leidenschaft für Krimis ist geblieben. Vor ein paar Jahren habe ich bei meinem Job eine Kollegin kennengelernt, die schon lange Schöffin ist und die von vielen spannenden Prozessen erzählt hat. Sogar ein Mordprozess war dabei! Ihre Berichte haben mich dazu gebracht, Schöffin zu werden. Durch dieses Ehrenamt habe ich mir quasi meinen zweiten Berufswunsch erfüllt. Zumindest einige Tage im Jahr bin ich jetzt Richterin.

 

Welche Fälle hast du schon erlebt?

Beim Landgericht Berlin habe ich schon ganz unterschiedliche Verhandlungen erlebt. Oft geht es um Betrug. Neulich wurde eine junge Frau verurteilt, die mit dem „Oma-Trick“ ältere Damen geschröpft hat. Außerdem waren Raubüberfälle auf einen Drogendealer und auf einen Juwelier dabei. Mein größter Fall war ein Wirtschaftsdelikt. Ein Geschäftsführer hatte mehrere Millionen Euro unterschlagen.

 

Über Menschen und ihre Straftaten richten, das klingt nach einer anspruchsvollen Aufgabe. Gibt es Fortbildungen oder sonstige Angebote für Schöffen?

Eigentlich nicht. Am Anfang meiner Amtsperiode gab es eine Informationsveranstaltung für alle neuen Schöff_innen, es waren rund 200 Menschen dabei. Ein paar Merkblätter wurden verteilt und Schöffenvertreter_innen gewählt, die ab und an mal einen Newsletter verschicken. Es gibt noch eine Schöffengeschäftsstelle, die die Termine verwaltet, die Aufwandsentschädigung überweist und andere Fragen klärt. Mehr Angebote oder zum Beispiel einen Leitfaden gab es bisher nicht. Es läuft eher nach dem Motto: „Ab ins kalte Wasser. Schwimm dich frei. Los geht’s!“

 

Wie umfangreich ist dein Ehrenamt?

Am Ende eines Jahres bekomme ich immer eine Liste mit den Prozessterminen des Folgejahres zugeschickt. Das sind so rund zehn Termine pro Jahr. Erst am ersten Tag jeder Verhandlung erfahre ich, um was es geht und wie viele Prozesstage jeweils angesetzt sind. Meistens sind es ein bis drei Tage je Verhandlung. Wenn sich aber ein neuer Aspekt ergibt oder ein Zeuge nicht erscheint, dann können schnell auch mehr Tage daraus werden. Hinzu kommt, dass das Ehrenamt als Schöffin extrem verbindlich ist: Urlaube muss man anmelden und die Gerichtstermine gehen immer vor. Darauf müssen Arbeitgeber Rücksicht nehmen. Ist man krank, muss man ein Attest vorlegen. Eine andere Schöffin hat mir erzählt, dass sie sogar einmal aus dem Urlaub eingeflogen wurde, als ein wichtiger Prozesstag anstand.

 

Betrug, Gewalt, Diebstahl – das klingt nicht unbedingt nach Spaß und Ausgleich vom Alltag. Was bringt dir dein Ehrenamt als Schöffin?

Zum Glück war noch nicht so etwas wie Mord oder Vergewaltigung dabei. Ich nehme von den Gerichtsverhandlungen bisher auch nichts Belastendes mit nach Hause. Es ist für mich das ideale Ehrenamt. Es macht mir viel Spaß, etwas ganz anderes zu machen als im Beruf oder mit der Familie. Ich komme dadurch in Kontakt mit Menschen und gesellschaftlichen Bereichen, auf die ich sonst nie treffen würde. Es ist manchmal auch traurig mit anzusehen, dass es bei einigen Menschen nur eine Kleinigkeit war, die sie auf die schiefe Bahn gebracht hat. Meistens geht’s dabei ums Geld. Nach solchen Prozesstagen gehe ich oft mit Dankbarkeit über mein eigenes Leben aus dem Gerichtssaal.

 

Wem empfiehlst du, sich als ehrenamtliche Richter_in zu bewerben?

Im Grunde jeder und jedem. Leidenschaft oder zumindest Interesse für Gerechtigkeit und Recht sollte man aber besser schon haben. Ich bin ein wahnsinnig neugieriger und gerechtigkeitsliebender Mensch. Das sind schon ziemlich gute Voraussetzungen. Ich liebe mein Ehrenamt und kann es echt nur weiterempfehlen.

 

Vielen Dank, Anna, für das spannende Gespräch!

 

Weitere Informationen

Wer sich für die Schöffenwahl 2018 aufstellen lassen möchte, kann sich direkt bei den Berliner Bezirksämtern bewerben.

Allgemeine Informationen gibt’s bei der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport und den Bezirksämtern, beispielsweise auch in Neukölln. Der Bund ehrenamtlicher Richterinnen und Richter Berlin/Brandenburg bietet auf seiner Website umfangreiche Materialien und eine Übersicht über Informationsveranstaltungen in Berliner Volkshochschulen. Die nächste Veranstaltung in Neukölln findet am 11.1.2018 statt.

 

Foto: Allein einen Besuch im Landgericht Berlin wert: Die Eingangshalle in der Littenstraße 12–17, Ansgar Koreng / CC BY 3.0 (DE)

 

Engagierte Nachbarinnen: Anna, die Schöffin
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